Schuld und Sühne – ein aktuelles Thema

Unsere Beziehung zu Schuld

Erlauben wir uns wahrzunehmen, was dieses Wort auslöst, was sich da in uns ausbreitet, wenn wir uns auf diese Schwingung einlassen: Unsre Energie sinkt augenblicklich ab. Ein ganz unangenehmer, schwerer, lähmender Zustand breitet sich aus. Wir fühlen uns unwürdig, möchten uns vor der Welt verstecken, haben Angst, dass mit dem Finger auf uns gezeigt wird, dass niemand noch etwas mit uns zu tun haben will, alle positiven Gefühle wie Freude, Motivation, Lebendigkeit, Neugierde sind hin einem dicken, dunklen Nebel verschwunden. 

In allen Diktaturen, aber auch in der Kirchengeschichte gehört Schuld zu den besten Methoden, Menschen klein und gefügig zu machen.

In unsren Genen ist in einer Jahrtausende alten die Evolution tief eingebrannt, dass wir alleine verloren, schutzlos jeder Bedrohung ausgeliefert sind.  Die Gemeinschaft war bei einfachen Völkern immer der beste Schutz vor einer feindlichen Umgebung, aber gleichzeitig hat die Gemeinschaft von jedem Mitglied erwartet, dass es sich an die Regeln dieser Gemeinschaft hält – das war ursprünglich notwendig, damit ein Stamm, eine Sippe sich gegen Feinde von außen erwehren konnte und es sicherte das Überleben der Menschen.

Wer sich diesen Regeln nicht unterwarf, gefährdete die Gemeinschaft– er oder sie machte sich schuldig und wurde bestraft – oft auf grausame Art und Weise, damit andre von einem Ausscheren aus der Gruppe abgeschreckt wurden.

Diese schlimmen Folgen – Ächtung, Folterung, Tod und viele anderen Qualen sind in uns gespeichert. Das macht uns verletzlich und manipulierbar, auch wenn wir heute ganz andere Lebensumstände haben. In unserem Unterbewusstsein lauern diese Angst besetzten Muster und warten nur darauf, von außen aktiviert zu werden. Und so bemühen wir uns, uns anzupassen, ja nicht aufzufallen, damit wir nur nichts zu Schulden kommen lassen, denn: “Was sagen da die Leute?“

Schuld als Machtinstrument in der Erziehung

„Wenn du nicht…………….., dann habe ich dich nicht mehr lieb“ Solche Aussagen gehören zu den übelsten Erziehungsmethoden, denn das Kind ist von unsrer Zuwendung vollkommen abhängig, es hat keine Wahl. – Wir erzwingen Anpassung und Unterwürfigkeit, weil lebensnotwendige Voraussetzungen bedroht sind und wir setzen die Grundlage für einen manipulierbaren Erwachsenen, der nicht aus eigener Überzeugung sondern aus Angst vor Verlust sein Leben gestaltet. Man will sich auf keinen Fall schuldig machen!

Aber Schuldzuweisung kann genauso umgekehrt in einer krankhaften Überfürsorge großen Schaden anrichten: „Pass auf, tue das nicht! Es könnte was Schlimmes passieren und dann ist Mami ganz traurig“ oder „Du bist schuld, dass Papa krank geworden ist! Das kommt nur, weil Du ihm so viele Sorgen machst!“

Selbstverständlich müssen wir Kinder andrerseits davor bewahren, Dinge zu tun, die sie es selbst noch nicht abschätzen können! Aber so eine Erpressung ist dazu völlig ungeeignet! Wie heißt es so treffend: „Manche Dinge kann man nicht lernen, die muss man erfahren!“ Wenn wir versuchen, unsre Kinder vor allem Negativen durch solche Erpressungen zu bewahren, lernen Kinder nie, an  die eigenen Grenzen zu kommen, haben keine Möglichkeit, aus den eigenen Fehlern zu lernen. Es werden daraus angepasste, ängstlich Erwachsene, die vor jedem kleinen Risiko zurückschrecken und nie ihr eigenes Potential entfalten Denn wenn da ein Fehler passieren sollte, sind sie schuld! Was tatsächlich die Folgen sein könnten, bleibt meist im Dunkel, denn es wird immer vom allerschlimmsten ausgegangen. Selbst ein harmloses Risiko wird dann zu einem monströsen Wagnis Jedes Problem wird zudem als Folge aus der eigenen Schuld gesehen: „Ich habe eben nichts Besseres verdient!“ oder „Bei mir klappt doch nie was!“

Solche Kinder hatten nie die Chance, ein Risiko von Leichtsinn zu unterscheiden. Sie haben nie gelernt, wie gut es sich anfühlt, wenn man seine Bedenken und Zweifel überwindet und erkennt, wozu man in der Lage ist. wie herrlich sich das anfühlt, etwas geschafft zu haben, wozu man sich überwinden musste. Oder wie das Selbstbewusstsein gestärkt wird, wenn man eigene Kraft erkennt, weil man aus jedem Fehler lernt und jeder Rückschlag dazu dient, dem gesetzten Ziel näher zu kommen.

Schuld als Machtinstrument in Kirche und Politik

„Ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wir meine Seele gesund.“

Diesen Satz kennen alle Katholiken aus dem Sonntagsgottesdienst. Wir sind von vorneherein unwürdig – und wodurch wird man unwürdig – wenn man sündigt und dann ist man schuldig. Was ist Sünde? Alles , was nicht den Dogmen und Vorschriften der Kirche entspricht.

Es gibt in Indien eine vegetarisch Glaubensgemeinschaft, wo die Mitglieder nicht einmal einer Fliege was zuleide tun dürfen. Findet ein Mitglied ein totes Insekt in der Kleidung, muss es dem Guru gebeichtet werden, denn man darf kein Leben auslöschen. Der Tag ist ausgefüllt mit Beten, Meditieren und Arbeiten. Es gibt keinen Raum für eine eigene Weiterbildung, geschweige denn eine eigene Meinung. Das mag uns sehr extrem und abwegig erscheinen, aber  2000 Jahre lang haben wir uns von dem System der Kirche begrenzen und beschneiden lassen. Und das Machtinstrument war Schuld und die Angst, schuldig zu werden. Schuld ist – wie sie bei der Erziehung oben vielleicht schon bemerkt haben – immer mit Angst gekoppelt – die Angst vor der Schuld und die Folgen, die diese Schuld nach sich zieht.

Und die Masse passt sich wie ein Heringsschwarm diesem Denken an: Der, der aus der Reihe tanzt, der wird angeschwärzt, über den wird hergezogen, der wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, mit „So Einer“, „So Einem“ will man nichts zu tun haben. Kaum einer überlegt sich dann, ob das, was er da tut, zu rechtfertigen ist, stumpf und mit vermeintlicher Überzeugung tut man, weil es alle tun!

Heute, wo der Einfluss der Kirche oberflächlich gesehen geringer geworden ist, bedienen sich Politik und Wirtschaft dieser kollektiv tief eingebrannten Struktur: Dann ist man schuld, wenn Arbeitsplätze gefährdet werden, wenn man sich nicht der politischen Meinung anschließt. Wenn man der Windkraft nicht zustimmt, ist man schuld, wenn die Kernenergie nicht reduziert wird. Wenn man nicht uneingeschränkt dem Flüchtlingsstrom zustimmt, ist man ein Rechter und schuld an dem Elend dieser Menschen.

Immer wieder werden unsre kollektiven Muster aktiviert: Sich schuldig zu machen, weil wir nicht dem vorgegebenen Denken, dem Denken der Masse folgen.

Wir sind schuld am Nazideutschland – deshalb müssen wir heute Sühne leisten, wir dürfen nicht gegen Israel aufmucken oder gegen einen unkontrollierten Flüchtlingsstrom. Deshalb tun wir alles, um wieder gut dazustehen, anerkannt zu werden.

Dabei geht es immer um ein pauschales, unreflektiertes  Denkmuster, nie um eine differenzierte Sichtweise in der speziellen Situation. Und die Angst vor Schuld verschließt uns den Mund und macht uns zu unterwürfigen Dienern, die das nachplappern, was man ihnen vorsagt. Oder wir lassen uns von einer Massen Hysterie anstecken wie von einer Droge, denn es fühlt sich kurzfristig gut an, dazu zu gehören, dabei zu sein!

Die Macht der Worte und der energetische Einfluss

Diese ungute Kette von Angst und Schuld und daraus resultierend der Konsequenz, sühnen oder büßen zu müssen steckt tief in uns. Auch wenn wir uns nicht mehr geißeln oder auf den Knien zur Kirche rutschen, um vielleicht dann Vergebung zu finden, beherrscht sie uns auf sehr subtile Weise, wenn wir uns diesen Mechanismus nicht bewusst machen.

Es gibt noch eine Variante von Schuld: Schulden. Wenn wir Schulden haben, bedeutet das, wir haben uns etwas genommen, was wir zurückgeben oder bezahlen müssen. Jeder, der ein Haus baut oder ein Geschäft eröffnet muss Schulden in Form eines Kredits machen. Wenn wir uns übernehmen und Schulden machen, die wir nicht zurückzahlen können, kommen wir in Schwierigkeiten. Aber das bezeichnen wir niemals als Schuld, für die wir sühnen müssen. Es ist ganz klar – ich habe mich zu etwas verpflichtet, wofür ich gerade stehen muss.

Wenn wir Fehler machen, andre verletzen oder missachten passiert genau dasselbe auf der energetischen Ebene: Durch unser Handeln erzeugen wir ein Ungleichgewicht. Aber jede Energie strebt nach Ausgleich, nach Balance.

Wenn wir achtlos oder sogar absichtlich schlecht  mit unsern Mitmenschen umgehen, erzeugt das ein Ungleichgewicht im energetischen Feld. Es ist unser Ungleichgewicht – folglich findet der Ausgleich in unserem Leben statt – andere gehen mit uns achtlos, negativ um. Da nützt es uns gar nichts, wenn wir den Gutmenschen spielen und zu Wohltätern werden – spenden, ehrenamtlich tätig sind, uns in gemeinnützigen Einrichtungen engagieren, wenn wir auf der anderen Seite gar nicht registrieren, wie wir tagtäglich mit unsern Mitmenschen umgehen. Dann sind wir einfach Egoisten, die durch ihre Wohltätigkeit die eigenen Schatten zudecken und dadurch viel mehr Schaden anrichten als wir Gutes tun.

Das Gleiche passiert, wenn wir uns in unsrer Schuld zermartern und uns für Fehler, die oft Jahre lang zurück liegen immer noch kasteien! „Hätte ich doch damals……………..“ Das dient dem Betroffenen genauso wenig wie uns selbst.

Sehr oft sind es die kollektiven Muster von Unwürdigkeit und Schuld, die durch eine Fehlhandlung noch verstärkt werden und dazu führen, dass es uns nie gut geht, dass wir nie wirklich zu Glück und Fülle kommen, denn unser Unterbewusstsein verhindert das! Denn Glück und Fülle kann man nur haben, wenn wir zulassen, dass wir es wert sind.

Die Erlösung

Ist eigentlich ganz einfach: Wir übernehmen selbst Verantwortung für unser Leben. Wir lassen nicht irgendeine Institution bestimmen, was richtig ist und was falsch. Wir rennen nicht einfach einer Masse hinterher, nur weil das in der Gesellschaft gerade die Regeln sind oder in Mode ist  Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem anerzogenen Gewissen, das von den äußeren Umständen geprägt wird und dem angeborenen Gewissen. Das ist diese leise Stimme in unserem Inneren, die genau weiß, was richtig – sprich: achtsam und verantwortungsbewusst und unseren Möglichkeiten entsprechend stimmig ist.  In der Kabbalah gibt es eine schöne Parabel, wo ein Schüler seinen Lehrer fragt, ob man Weisheit lernen kann, solange man auf einem Fuß zu stehen in der Lage ist. Die Antwort des Lehrers ist gleichzeitig ein Spruch aus der Bibel: „Liebe Deinen Nächsten als Dein Selbst – und jetzt geh und lerne!“

Das bedeutet, dass der einfachste Maßstab der ist, mit andern so umzugehen, wie man möchte, dass andre mit uns umgehen. Dann brauchen wir keinen Guru, der uns von unsren Sünden befreit, dann machen wir immer noch Fehler, aber wir lernen daraus, anstatt uns dafür zu martern. Wir suchen bewusst das Gespräch mit dem Betroffenen oder – wenn das nicht geht, schließen wir Frieden, indem wir in der Zukunft anders, achtsamer handeln.

Eigentlich gibt es nur eine Schuld: Wenn wir unser Gott gegebenes Potential, unsre Talente nicht entfalten, damit wir sie zur Verfügung stellen können. Aber da kommt die Sühne ganz von alleine: Dann haben wir ein unerfülltes, unglückliches Leben, dann büßen wir jeden Tag!

Lebe so, dass Du, wenn Du morgen stirbst, sagen kannst: Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gelebt!